Covid 19 – Was wir aus der Krise lernen (könnten)

Heute ist der 11. April 2020, ein Samstag. Ich sitze mit meiner Kaffeetasse vor dem Bildschirm und denke, dass sich für mich eigentlich gar nichts geändert hat. Doch wenn ich genau hinsehe, da ist doch etwas, neues, Ungewohntes.

Ein Reh blickt aus dem Bildschirm

Da sind plötzlich Rehe auf der Wiese vor meinem Haus und grasen ganz friedlich. Wenn sie genug gefressen haben, überqueren sie beinahe langsam und gemessenen Schrittes die Bundesstraße und wechseln in den nahegelegenen Wald. Ich will das Fenster aufreißen und „Vorsicht“ schreien. Doch ich lasse es sein, es fährt ohnehin kein Auto. Das Asphaltband hat seine Bedrohlichkeit verloren. Und dann wird mir bewusst: so still und friedlich war es schon lange nicht. 

Ein Blick in die Zukunft durch die Kristallkugel

Vor einigen Monaten gab es die Diskussion um das schwedische „Friday for future“-Mädel. Und die Stimmen wurden laut, dass ihre Forderungen unrealistisch, ja sogar brandgefährlich seien. Sie würde uns auf direktem Weg ins Mittelalter zurück protestieren. Wirtschaftlich eine Katastrophe und vollkommen undenkbar.

Rund 10 Tage später hat sich ein kleines Ding, das kaum unter dem Mikroskop zu sehen ist, ausgehend von China auf den Weg gemacht, sich vermehrt, mittlerweile sämtliche Kontinente besucht und etwas zustande gebracht, was niemand, selbst in den schlimmsten Alpträumen, zu träumen gewagt hätte. Die Welt steht still. Shutdown, Lockdown. Nichts dreht sich.

Nur die Rehe vor meiner Haustür sehen die Welt – für kurze Zeit – aus einer anderen Perspektive. Millionen von Menschen in Indien erblicken mit Staunen die Berge der Götter. Der Himalaja, jahrzehntelang hinter einem undurchdringlichen Smog, einem aus giftigen Gasen gewebten Vorhang, einer erstickenden Mischung, ausgestoßen von Abertausend qualmender Autos und tausender Hochöfen, versteckt, steht groß, gigantisch mit schneeweißen Gipfeln im Vorgarten. Covid-19 hat den Schleier aufgerissen und zeigt uns diese prachtvollen Riesen in ihrer vollen Mächtigkeit.

In dem glasklaren Wasser der Lagunen von Venedig treiben Delphine ihre Spiele, in China sinkt die Stickstoffoxidbelastung um 30 Prozent. Weltweit atmet die Natur auf, beginnt sich zu erholen. Jeder von uns erleichtert seinen persönlichen CO2-Rucksack, ob gewollt oder nicht: Ausgangsbeschränkungen, Reisesperren und weniger Konsummöglichkeiten. Wir  geben weniger aus. Aber ist es auszuschließen, dass wir mehr erhalten? Gegebenenfalls lernen wir eine andere Seite des Lebens, der Kommunikation, des Miteinander kennen? Unter Umständen sehen wir die Welt für kurze Zeit mit anderen Augen, vom Fenster des eigenen Wohnzimmers und nicht vom Promenadendeck eines x-stöckigen Kreuzfahrtschiffes. Kann Covid-19 einen Wandel bewirken?

Fabrik in der Abendsonne

Auf der anderen Seite gibt es Betriebe, die schließen müssen, Menschen, die ihrer Existenzgrundlage verlustig gehen, die plötzlich vor dem Nichts stehen. Denen es vollkommen egal ist, ob sie den Himalaja sehen, sondern die froh wären, wenn sie das Essen und Trinken der nächsten Tage gesichert wüssten. Die langfristigen Auswirkungen auf die Wirtschaft, das lange, langsame Sterben, das diesem, mit Gewalt durchgesetztem Shutdown, folgen wird, wollen wir uns gar nicht ausmalen. Die Farben dieses Bildes würden mit Sicherheit von schwarz zu schwarz tendieren. Da bewirkt Covid-19 einen ganz anderen Wandel: finster, bedrohlich, Angst machend. Alle Fabriken stehen still, wenn der starke Virus-Tentakel es so will!

Und das Reh vor meinem Fenster hebt den Kopf, scheint mich fragend anzusehen und ich denke ich kann seine Gedanken lesen: „Warum kann das nicht so bleiben?“ Das mein liebes Reh ist rasch beantwortet. Weil wir wachsen müssen, weil wir Geld brauchen, das wir dann in der nächsten Krise „verbraten“. Weil du uns wurscht bist, solange wir gut leben. Und sollte es uns einmal noch viel schlechter gehen als bisher, dann werden wir das Abendmahl mit Sicherheit nicht unbeschwert über die Straße marschieren lassen, sondern machen eine direkte Umleitung in unseren Kochtopf. Also freu dich über diese wenigen Tage. Wenn dann alles vorbei ist, pack deine Läufe zusammen. Du wirst es brauchen, denn dann ist die Straße kein friedlicher Ort mehr.

„Aber was ist, wenn ihr der Erde und euch Menschen alle Jahre so eine Fastenkur verpasst? Wir hätten ein wenig mehr Spaß, das Gras schmeckt uns für kurze Zeit besser und die Versicherungen freuen sich, weil es weniger Wildschäden gibt. Das könnte doch ein Deal sein, so ein jährlicher Lockdown, oder?“

Ja, warum eigentlich nicht. Vielleicht könnte das sogar die Lösung vieler Umweltprobleme sein. Stufenweise ginge die Belastung zurück, jedes Jahr ein wenig mehr. Für die Wirtschaft könnte ein gezielter Reinigungsprozess einmal im Jahr sicher gut sein. Einmal nicht nur an Wachstum denken. Oder doch an Wachstum denken, allerdings nicht in die Höhe, sondern an Masse, an Stabilität. Der jährliche Shutdown zur Rettung der Welt?

Dagegen spricht einiges. Denn die Menschheit ist nur bedingt lernfähig. Noch jede Krise, zumindest diejenigen, die wir den letzten 200 Jahren dokumentiert haben, wird am Ende gnadenlos vom sogenannten Rebound- oder Bumerang-Effekt begleitet. Bereits 1865 von W.S. Jevons in „The Coal Question“ beschrieben, handelt es sich um nichts anderes als einen Ausgleichs-Effekt, der in vielen Bereichen der Wirtschaft untersucht wurde. Im privaten Umfeld sagen wir Jo-Jo-Effekt dazu, wenn wir einige Monate nach einer Fastenkur mehr Kilo auf die Waage bringen als vorher.

Gummiband zwischen zwei Finger gespannt

Und so wird auch diese Krise ihren Rebound-Effekt haben. Die Menschen werden sich belohnen wollen für die Unannehmlichkeiten, für die Sorgen, für die Ängste. Wenn die Tempel wieder geöffnet sind, wird Gott Mammon wieder regieren und für eine Weile tritt die Vernunft in den Hintergrund: „Wir haben uns das verdient“ werden wir sagen, während wir unser Geld wieder in die Maschine schmeißen, in den einarmigen Banditen, der uns die Vision vortäuscht, dass alles womit wir ihn füttern tausendfach zurückkommt, uns immer wieder die Hoffnung auf den Jackpot vorgaukelt. Denn das wird sich niemals ändern: Der einzige Gott, dem jeder dient ist die ewig unstillbare Gier.  

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